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Wien 1946-1953

Im Wien der Nachkriegszeit: 1946 bis 1953

"Als der Krieg zu Ende war, ging ich fort und kam voll Ungeduld und Erwartung nach Wien, das unerreichbar in meiner Vorstellung gewesen war." Im Herbst 1946 ging Bachmann nach Wien, wo sie zunächst Rechtswissenschaft und Philosophie, später ausschließlich Philosophie mit den Nebenfächern Psychologie und Germanistik studierte.

Wien wurde für Bachmann "wieder eine Heimat an der Grenze: zwischen Ost und West, zwischen einer großen Vergangenheit und einer großen Zukunft." Wenn sie auch später nach Paris und London, nach Deutschland und Italien gekommen sei, schreibt sie, "so besagt das wenig, denn in meiner Erinnerung wird der Weg aus dem Tal nach Wien immer der längste bleiben."

Während ihrer Studienjahre begann Ingeborg Bachmann auch in der literarischen Welt Wiens Fuß zu fassen. Um Hans Weigel bildete sich ein literarischer Kreis, an dem auch Ingeborg Bachmann regen Anteil nahm. Nachdem bereits 1946 zum ersten Mal eine Erzählung Ingeborg Bachmanns - "Die Fähre" - in der "Kärntner Illustrierten" veröffentlicht wurde, erschienen in den Jahren 1948-1949 neben weiteren Erzählungen die ersten Gedichte in der von Hermann Hakel herausgegebenen Zeitschrift "Lynkeus. Dichtung, Kunst, Kritik". Ingeborg Bachmann begann also ihren schriftstellerischen Weg nicht als "poetessa", sondern mit zahlreichen Prosaarbeiten, ein Sachverhalt, der in nahezu allen Literaturgeschichten unrichtig dargestellt wird. Die entscheidende Erfahrung der Wiener Zeit dürfte aber die Bekanntschaft mit Paul Celan gewesen sein. Vom ersten Gedichtband bis zu den letzten Prosawerken wird sich der Dialog mit dem bedeutenden jüdischen Lyriker ablesen lassen.

1950 promoviert Ingeborg Bachmann an der Wiener Universität über Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers. Im Oktober 1950 reist Bachmann nach Paris und von dort im Dezember weiter nach London, wo sie im Feber 1951 bei einer Veranstaltung der Anglo-Austrian Society liest.

Nach Wien zurückgekehrt, arbeitet Bachmann zunächst im Sekretariat der amerikanischen Besatzungsbehörde, ab Herbst dann als "Script-Writer" und später als Redakteurin bei der Sendergruppe "Rot/Weiß/Rot". 1952 wird Ingeborg Bachmanns Hörspiel Ein Geschäft mit Träumen erstmalig gesendet (erst im Dezember 1975 in einer Neuproduktion wiederholt). Sie übersetzt aus dem Englischen Thomas Wolfe's Drama Mannerhouse (Das Herrschaftshaus) sowie das Hörspiel The Dark Tower (Der schwarze Turm) von Louis McNeice.

1952 wird in dem von Hans Weigel herausgegebenen Jahrbuch "Stimmen der Gegenwart" der Gedichtzyklus "Ausfahrt" veröffentlicht. Im Mai desselben Jahres nimmt Bachmann auf Einladung von Hans Werner Richter zum ersten Mal an einer Tagung der Gruppe 47 in Niendorf teil, zusammen mit Paul Celan und Ilse Aichinger. Dort begegnet sie dem gleichaltrigen Komponisten Hans Werner Henze, mit dem sie später eine lange Freundschaft und intensive künstlerische Zusammenarbeit verbinden wird.

Der Auftritt Bachmanns auf der Niendorfer Tagung wurde zu einem folgenreichen Ereignis für die junge Autorin. Kaum ein Debüt in der Geschichte der Dichtung dieses Jahrhunderts war so sensationell und aufsehenerregend wie die Lesung der Gedichte, mit denen sich die gerade 26jährige Ingeborg Bachmann an das deutschsprachige Publikum wandte. Das Publikum der Gruppe 47 bestand aus Schriftstellern, Kritikern und Verlegern, die gemeinsam darum bemüht waren, die deutsche Literatur nach dem Krieg zu erneuern.

Im September unternimmt Bachmann, gemeinsam mit ihrer Schwester Isolde, ihre erste Reise nach Italien. Nachdem sie im Mai 1953 in Mainz den Preis der Gruppe 47 für die Gedichte "Die große Fracht" , "Holz und Späne", "Nachtflug" und "Große Landschaft bei Wien" erhält, gibt sie ihre Arbeit als Redakteurin beim Sender Rot/Weiß/Rot in Wien auf und geht nach Italien, um sich dort als freie Schriftstellerin eine neue Existenz zu schaffen.