Dieter Schnebel

Zu „Bachmann-Gedichte“

Im Dezember 2000, wir waren gerade in Rom – wurde in der nahe gelegenen Via Bocca di Leone am Haus, in dem Ingeborg Bachmann gewohnt hatte, eine Gedenktafel enthüllt. Meine Frau [Iris Kaschnitz], die mit Ingeborg in ihrer römischen Zeit befreundet war und auch eine Art Nachbarschaft pflegte, und ich selbst waren bei der Feier zugegen. Tags darauf saßen wir mit Isolde Moser, der Schwester der Dichterin, und mit ihrem Sohn Christian im Restaurant „Otello alla Concordia“. Christian fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, Texte der Bachmann zu vertonen. Er schickte mir dann den Band mit den nachgelassenen Gedichten und hatte darin welche angekreuzt. Ich sagte zu.Aber wie es so geht, das Projekt blieb liegen. Zwei Jahre später waren wir zu Weihnachten wieder in Rom. Als ich beim Besorgungen machen durch die Via Bocca di Leone kam und die Tafel sah, erinnerte ich mich an das Versäumnis. Es kamen mir auch gleich Ideen, und ich machte mich flugs an die Arbeit. Die Lieder entstanden dann rasch im Frühjahr 2003.

Die vier Gedichte Terra Nova, Verzicht, Immer wieder Schwarz und Weiß, Auflösung sind mit die letzten der nachgelassenen Sammlung „Ich weiß keine besser Welt“ und sie sind Liebesgedichte.

In meiner musikalischen Umsetzung werden die Texte in engräumig kreisenden melodischen Linien quasi psalmodiert. Vor- und Zwischenspiele in ausgreifenden textlosen Melismen bilden seismografische Erregungskurven. Ein Saxofon, Symbol des schwarzen Geliebten, folgt in engem Abstand imitierend der Singstimme, hat aber auch eigene melodische Ausbrüche. Das verhalten jazzartige Idiom des Instruments wird durch Schlagzeug ergänzt. Die Klavierbegleitung ist weitgehend akkordisch, oft choralartig, schafft eine besondere Stimmung; zusammen mit dem Gesang und den beiden anderen Instrumenten die eines archaischen Liebesrituals.

 

Biographie

Dieter Schnebel wurde am 14. März 1930 in Lahr/Baden geboren. Auf ein Studium an der Freiburger Musikhochschule 1949 bis 1952 und engen Kontakt zu den Kranichsteiner (heute Darmstädter) Ferienkursen für Neue Musik folgten evangelische Theologie, Philosophie, und Musikwissenschaft in Tübingen.
Von 1976 bis zur Emeritierung 1995 hatte er eine Professur für experimentelle Musik und Musikwissenschaft an der Hochschule der Künste (HdK) in Berlin inne, setzte aber seine Tätigkeit als Theologe durch Predigttätigkeit fort. Es entstehen kirchenmusikalische Kompositionen ("Für Stimmen - missa est", "Magnificat", "missa brevis", Bearbeitung von Bach-Chorälen, Orgelwerke), zuletzt für den Kirchenpavillon der EXPO 2000 und die documenta 2001.
Durch die Gründung der Theatergruppe "Die Maulwerker" systematisierte Schnebel sein nur teils auf den "Fluxus" ("visible music", "reactions", "Anschläge-Ausschläge") zurückzuführendes, offenes Werkkonzept, in dem Musiker in unkonventionellem Einsatz ihrer Instrumente und Stimmen zu Aktionen im Raum aufgefordert sind. …
Zu den Schlüsselwerken der letzten Jahre zählen "Missa", "Sinfonie X", "Majakowskis Tod - Totentanz". 1991 wurde Dieter Schnebel mit dem Lahrer Kulturpreis ausgezeichnet. 1999 verlieh ihm die Stadt Schwäbisch Gmünd den erstmals vergebenen Preis der Europäischen Kirchenmusik.

Der Komponist ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin (seit 1991) und der Bayerischen Akademie der Künste (seit 1996). Er verfasste zahlreiche musikwissenschaftliche Publikationen, u.a. zu Weberns Variationen op. 27, zu Franz Schubert und zuletzt Giuseppe Verdi.