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verfasst von Hans Höller
1926 Am 25. Juni wird Ingeborg Bachmann in Klagenfurt als erstes Kind einer Lehrerfamilie geboren (1928 ihre Schwester Isolde, 1939 ihr Bruder Heinz). Die Mutter kam aus Niederösterreich. Der Vater, aus einer alten Kärntner Bauernfamilie, war Lehrer. Er hatte am Ersten Weltkrieg als Offizier der k.u.k-Armee teilgenommen und nimmt auch noch, von Beginn an, am Zweiten Weltkrieg teil. 1932 wird er Mitgleid der NSDAP in Österreich.
1936 Im September Eintritt ins Ursulinen-Gymnasium, das in der NS-Zeit in eine Oberschule für Mädchen umfunktioniert wird.
1938 Am 12. März 1938 Einmarsch der Hitler-Wehrmacht in Österreich, am 5. April ist Hitler in Klagenfurt.
1939 Im Herbst, gleich nach Kriegsbeginn, wird der Vater in die Deutsche Wehrmacht eingezogen. Er ist bis zum Kriegsende Offizier, danach in Kriegsgefangenschaft; wegen seiner NSDP-Mitgliedschaft wird er einige Jahre nicht zum Schuldienst zugelassen.
1943 Bachmanns Jugenderzählung „Das Honditschkreuz“, eine historische Erzählung, die der inneren Emigration zuzurechnen ist, stellt dem mörderischen Nationalismus das Bild der Brücke als Utopie der Verbindung zwischen den Völkern und Sprachen entgegen.
1944 Nach der vorgezogenen Matura im Februar und nach einem „Überbrückungsdienst“ in einer Verwaltungsstelle in Klagenfurt beginnt sie einen Abiturientenkurs an der Lehrerbildungsanstalt.
1945 Im April wird die Republik Österreich proklamiert. Im Juni, unmittelbar nach der Befreiung durch die Alliierten, lernt sie einen Offizier der Royal Army kennen, Jack Hamesh, einen 1938 aus Österreich geflüchteten Juden, der für sie jene andere Geschichte repräsentiert, auf die sie sich in ihrem Lesen und Schreiben zubewegt hatte. Im Wintersemester immatrikuliert sie an der Philosophischen Fakultät der Universität Innsbruck.
1946 Fortsetzung des Philosophiestudiums in Graz, ab Wintersemster 1946 in Wien. Die Erzählung „Die Fähre“, ihre erste literarische Veröffentlichung, erscheint Ende Juli in der „Kärntner Illustrierten“.
1947 Im September lernt sie den aus dem Exil in nach Wien zurückgekehrten Schriftsteller und Literaturförderer Hans Weigel kennen, mit dem sie eine mehrjährige Beziehung eingeht. Sie schreibt an ihrem ersten Roman, „Stadt ohne Namen“, den sie 1951 abschließt und vernichtet. Beginn der Freundschaft mit Ilse Aichinger, die als Halbjüdin in Wien versteckt überlebt hatte. Aichingers Roman „Die größere Hoffnung“ (1948) stellt das wichtigste Werk der österreichischen Nachkriegsliteratur in den vierziger Jahren dar.
1948 Gedichtveröffentlichung in der Nr. 1 der Literatur-Zeitschrift „Lynkeus“. Am 20. Mai beginnt ihre Liebesbeziehung zu Paul Celan, der sich nach der Flucht aus Rumänien bis Ende Juni in Wien aufhält. Sie setzt sich für die Veröffentlichung seiner Gedichte im deutschsprachigen Raum ein.
1949 Fertigstellung ihrer sprachphilosophischen Dissertation „Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers“. Mehrere Erzählungen erscheinen in der „Wiener Tageszeitung“.
1950 Ab April ist sie im Büro der „News and Feature Section“ des Senders der amerikanischen Besatzungsbehörde angestellt. Am 14. Oktober reist sie nach Paris. Sie lebt einige Wochen bei Paul Celan, Ende Dezember geht sie nach London, wo sie im Kreis von österreichischen Emigranten u.a. mit Hilde Spiel und Helga Micki, der Zwillingsschwester Ilse Aichingers und den Canettis Umgang hat. Sie macht die Bekanntschaft Erich Frieds, mit dem sie auch später in Verbindung bleibt.
1951 Lesung bei der Anglo-Austrian-Society in London. Nach der Rückkehr im März Abschluss des Philosophie-Studiums in Wien mit den Rigorosen. Im September wechselt sie in das Script Department des Senders „Rot-Weiß-Rot“, wo sie an literarischen und wissenschaftlichen Sendungen mitarbeitet. Aus ihrer neuen Position und der damit verbundenen finanziellen Sicherheit schlägt sie Paul Celan „ein gemeinsames Leben“ vor (Brief an Paul Celan, 10. November 1951).
1952 Am 28. Februar 1952 Ursendung ihres ersten Hörspiels „Ein Geschäft mit Träumen“, dessen erster Traum eine Kriegs- und Terrorszene darstellt. Sie liest auf der Tagung der Gruppe 47 in Niendorf (23. – 25. Mai); sie hatte auch die Teilnahme und Lesung Paul Celans auf der Gruppentagung durchsetzen können. Am 1. November trifft sie bei der Herbst-Tagung der Gruppe 47 auf Burg Berlepsch bei Göttingen den Komponisten Hans Werner Henze, einen jungen antifaschistischen Künstler. Mit ihm wird sie eine lebenslange Freundschaft verbinden wird. Ein inhaltliches Zentrum der Zusammenarbeit zwischen der Dichterin und dem Musiker wird das gemeinsame Engagement gegen Krieg und Militarismus bilden.
1953 Sie erhält den Preis der Gruppe 47 bei der Mai-Tagung in Mainz. Im Herbst 1953 geht sie aus Wien weg. Sie folgt einer Einladung von Hans Werner Henze auf die italienische Insel. Im Oktober zieht sie nach Rom, wo sie mit Unterbrechungen bis 1957 leben wird. Im Dezember erscheint ihr Lyrikband „Die gestundete Zeit“ in der Reihe „studio frankfurt“. Ein Grundmotiv ihrer Zeitkritik: der latente Kriegszustand, der sich mit der Restauration etabliert.
1954 Ihr Photo erscheint als Titelbild der Wochenzeitschrift „Der Spiegel“ (18. 8. 194), sie wird damit früh schon zum Mythos der Literaturszene. Publikation der Essays über Ludwig Wittgenstein und Robert Musil, die Bezugspunkte ihres philosophischen und literarischen Denkens bleiben. Die Veröffentlichung von Wittgensteins „Tracatatus“ im Suhrkamp-Verlag (1960), mit der die folgenreiche Wittgenstein-Rezeption im deutschsprachigen Raum eingeleitet wird, geht auf ihre Initiative zurück.
1955 Erstsendung des Hörspiels „Die Zikaden“ im NWDR Hamburg (25. März), die Hörspiel-Musik komponierte Hans Werner Henze. Im Sommer USA-Reise: Teilnahme an dem von Henry Kissinger geleiteten Internationalen Seminar der Harvard University Harvard Summer School of Arts and Sciences and of Education), New-York-Besuch.
1956 Von Februar bis August bei Hans Werner Henze in Neapel. Der zweite Lyrikband „Anrufung des Großen Bären“ erscheint im Oktober bei Piper, ihrem Verlag bis zur ‚Achmatova-Affäre’ im Jahr 1967 [siehe 1967]. November, Dezember lebt sie in Paris.
1957 Wieder zurück nach Rom. Bremer-Literaturpreis (Jänner). Im September Übersiedlung nach München, um eine Dramaturginnenstelle beim Bayerischen Fernsehen anzutreten. Der Piper-Verlag legt im April ihren ersten Lyrikband „Die gestundete Zeit“ neu auf. Bei den Donaueschinger Musiktagen werden im Oktober Hans Werner Henzes „Nachtstücke und Arien“ uraufgeführt (u.a. mit der Vertonung ihres großen Gedichts gegen die atomare Rüstung, „Freies Geleit“ /Aria II“, mit dem berühmt gewordenen Vers: „Die Erde will keinen Rauchpilz tragen“). Im Oktober Wiederbegegnung mit Paul Celan auf einer Literatur-tagung in Wuppertal und neue Liebesbeziehung.
1958 Im April Beteiligung am Protest gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr. Erstsendung des Hörspiels „Der gute Gott von Manhattan“ im NWDR Hamburg und BR München (29. Mai). Anfang Juli Begegnung mit Max Frisch in Paris, im November Übersiedlung in seine Nähe nach Zürich.
1959 Hörspielpreis der Kriegsblinden. Ihre Dankesrede, „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ (17. März 1959) enthält eine politische Aktualisierung von Arthur Rimbauds „Seherrede“. Sie lehnt es, wie Celan auch, ab, einen Beitrag für die Festschrift zu Heideggers 70. Geburtstag zu liefern. Vom 25. November bis 24. Februar 1960 hält sie die mehrteilige Reihe der Frankfurter Poetikvorlesungen, in denen sie die Frage von Krieg und Frieden als indirektes Leitthema der „Probleme zeitgenössischer Dichtung“ verfolgt.
1960 Im März Begegnung mit Ernst Bloch und Stephan Hermlin im Rahmen eines Lyrik-Symposions in Leipzig. Am 22. Mai Uraufführung von Hans Werner Henzes Oper „Der Prinz von Homburg“ an der Hamburgischen Staatsoper. In ihrem Libretto nach Kleists Drama verändert sie mit ihrer sprachlichen Bearbeitung und den Strichen die Vorlage in einen gegen den Krieg gerichteten Text, den Henzes Musik stützt. Am 25. Mai Begegnung mit Nelly Sachs und Paul Celan in Zürich. Im November Unterzeichnung einer Erklärung gegen den Algerien-Krieg.
1961 Im Juni erscheint Bachmanns erster Erzählband „Das dreißigste Jahr“ bei Piper, im Suhrkamp Verlag kommen ihre Übersetzungen von Ungaretti-Gedichten heraus. Abbruch der Beziehung mit Paul Celan.
1962 Lesung im Goethe-House in New York. Begegnung mit Hannah Arendt. Im Herbst zerbricht die Beziehung mit Max Frisch. Bachmann stürzt in eine schwere psychische Krise, die mehrere Krankenhausaufenthalte notwendig macht.
1963 Auf Einladung der Ford Foundation hält sie sich in Berlin auf. Sie bleibt dort bis Ende 1965, wohnt zuerst in der Akademie der Künste, ab Juni in Berlin-Grunewald. Beginn der Arbeit an den „Todesarten“-Romanen, deren Konzeption sie immer wieder verändert. In Berlin trifft sie den polnischen Schriftsteller Witold Gombrowicz, mit Uwe Johnson stellt sich eine freundschaftliche Beziehung her. Sie schließt sich der Klage gegen den CDU-Politiker Dufhues an, der die Gruppe 47 als „Reichsschrifttumskammer“ bezeichnet hatte.
1964 Im Januar reist sie mit Adolf Opel nach Prag. Dieser Reise verdanken sich mehrere Gedichte, u. a. das zunächst für die Feiern im Shakespear-Jahr vorgesehene Gedicht „Böhmen liegt am Meer“, das ihr liebste Gedicht. Die im Frühjahr unternommene Ägypten-Reise wird zum Sujet von „Der Fall Franza“, wie der Titel in der ersten postumen Edition der Werkausgabe 1978 lautet (in der Kritischen Ausgabe 1995: „Das Buch Franza“). Im Oktober wird ihr der Georg-Büchner-Preis verliehen. Ihre Rede bei der Verleihung (gehalten unter dem Titel „Deutsche Zufälle“, in der Buchpublikation: „Ein Ort für Zufälle“) stellt ein seismographisches Psychogramm des latenten Kriegszustands in Berlin dar, registriert von einem kranken Ich im Resonanzraum eines Zimmers einer psychiatrischen Klinik. Am 12. Dezember in Rom Begegnung mit Anna Achmatova.
1965 Sie unterschreibt eine „Erklärung gegen den Vietnamkrieg“, sie spricht sich öffentlich gegen eine Verjährungsfrist für NS-Verbrechen aus, wird in den Vorstand der Europäischen Schriftstellergesellschaft gewählt und setzt sich im Wahlkampf für Willi Brandts SPD ein. In Rom trifft sie Anna Achmatowa, der sie das Gedicht „Wahrlich“ widmet. Von Ende 1965 bis zu ihrem Tod lebt Bachmann nun in Rom, zuerst via Bocca di Leone, ab 1972 in der via Giulia, Palazzo Sacchetti.
1966 Bachmann liest zum ersten Mal auf einer Lesereise in mehreren Städten der Bundesrepublik die einzelnen Teile der Fassung von „Der Fall Franza“, die 1978 der postumen Edition des Romantexts zugrunde gelegt wird Die Teilnahe an der Tagung der Gruppe 47 in Princeton sagt sie aus Krankheitsgründen ab.
1967 Sie geht vom Piper Verlag weg, nachdem sich der Verleger nicht abbringen ließ, dem schwer belasteten Nazi-Dichter Hans Brauman den Übersetzungsauftrag für eine Achmatowa-Ausgabe zu entziehen. Bachmann hatte früher schon dafür Paul Celan vorgeschlagen. Im Juli liest sie in London bei „Poetry International“ ihr Gedicht „Böhmen liegt am Meer“. Beginn der Arbeit an „Malina“.
1968 In der November-Nummer der Zeitschrift „Kursbuch“ (Nr. 15) erscheinen die vier großen letzten Gedichte „Böhmen liegt am Meer“, „Prag Jänner 64“, „Enigma“ und „Keine Delikatessen“. Sie schreibt an einem Protest gegen die leichtfertigen Proklamationen des Tods der Literatur in der Studentenbewegung. Im November erhält sie den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur.
1969 Arbeit am Roman „Malina“ und den Erzählungen für ihren zweiten Prosaband. Die für diesen geplanten Band geplante Erzählung „Ihr glücklichen Augen“ wird im NDR erstgesendet (7. November). Zu den nicht fertig gestellten Arbeiten in diesem Jahr gehören u.a. ein Vorwort zu einer Brecht-Gedichtausgabe und ein Essay über Thomas Bernhard.
1970 Im April nimmt sich Paul Celan in Paris das Leben. Bachmann fügt in den entstehenden „Malina“-Roman Gedächtnistexte für den einstigen Geliebten (die „Legende der Prinzessin von Kagran“ und einzelne Szenen des Traum-Kapitels). Am Jahresende kann sie die mehrjährige Arbeit an „Malina“ abschließen. Das zentrale Kapitel stellt eine einzige Auseinandersetzung mit Krieg und Gewalt in der Geschichte dar, erzählt als Alptraum der vergangenen Nacht. Was an Verbrechen verübt wurde, wird im Traum von der Vater-Figur gegen die Tochter ausgeübt; illusionslos endet dieses Kapitel mit den Sätzen „Hier ist immer Gewalt. / Hier ist immer Kampf. / Es ist der ewige Krieg.“
1971 Im März erscheint der „Malina“ im Suhrkamp Verlag. Das irritierend empfundene Buch wird zu einem Bestseller.
1972 Der zweite Erzählband, „Simultan“, erscheint. Die erzählte Hauptfigur der letzten Erzählung des Bands „Drei Wege zum See“ ist eine Photo-Journalistin, die gezwungen wird, sich mit der Frage der Funktion der photographischen Reproduktion von Krieg und Gewalt auseinanderzusetzen. In diese Erzählung wird Jean Amérys literarische Darstellung des innersten Bezirks des Nazi-Terrors zum Korrektiv der erfahrungslosen Reproduktionen der Gewalt im Medienzeitalter.
1973 Tod des Vaters am 18. März. Im Mai unternimmt sie eine Lesereise durch Polen, besucht das Vernichtungslager Auschwitz. In Polen gibt sie zwei Interviews, in denen sie die Notwendigkeit geschichtlichen Bewusstseins betont: „Für den Schriftsteller ist Geschichte etwas unerlässliches. Man kann nicht schreiben, wenn man die ganzen sozialhistorischen Zusammenhänge nicht sieht, die zu unserem Heute geführt haben“ (Interview mit Alicja Walecka-Kowalska). Im Juni entsteht in Rom Gerda Hallers Bachmann-Film, der, wenige Monate vor ihrem Tod aufgenommen, zu ihrem Testament wird. Diese letzte größere Interview-Serie fasst noch einmal die Lebensmotive der Schriftstellerin zusammen in der Verteidigung der Utopie des Friedens in einer Welt der Gewalt und Zerstörung. In der Nacht von 25. auf 26. September erleidet Ingeborg Bachmann einen Brandunfall, an dessen Folgen sie am 17. Oktober 1973 in der Klinik Sant’Eugenio stirbt. |
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